Jean Paul und sein Luftschiffer Giannozzo

Jean Paul als Autor ist heute zwar dem Namen nach bekannt, aber selten gelesen, denn seine Sprache ist für uns heute ungewohnt und mit zahlreichen Wörter gespickt, die für uns fremd sind und die Nutzung des Fremdwörterbuches nahe legen. Oder man versucht einfach, das unbekannte Wort der Spur nach aus dem Zusammenhang zu erschließen, das stört den Lesefluss weniger.

Auch in den Schulen wird er kaum gelesen, da er nicht so recht in eine Schublade passt. 1763 in Wunsiedel geboren, 1825 in Bayreuth gestorben, gehört von seinen Lebensdaten her in verschiedene Literaturepochen, passt aber so recht zu keiner.  Natürlich wurde er auch nicht als Jean Paul geboren, sondern als Johann Paul Friedrich Richter. Das Pseudonym „Jean Paul“ zeugt von der Bewunderung für Jean Jacques Rousseau und die französische Aufklärung. Jean Pauls Welt ist die Welt der kleinen Leute und der barocken Schlösser mit ihrer Prunk- und Verschwendungssucht. Jean Paul sprengt oft die klassische Form des Romans, wobei er in Laurence Sternes Tristam Shandy einen Vorläufer hat. Auch Des Luftschiffers Giannozzozs Seebuch ist eher ein Selbstgespräch, den ein klassische Roman. Die Auflösung klassischer formen ist für uns heute nichts Ungewöhnliches mehr, für  seine Zeitgenossen jedoch schon. Jean Paul liebte die Satire, das spiegelt sich auch bei Giannozzo wider. Bei der Luftfahrt interessiert den Autor nicht die Technik, über das eigentliche Fliegen wird gar nicht so viel geschrieben, sondern der Blick von oben aufs Ganze. Jean Paul benötigt auch keine exotischen Welten, ihm reicht die deutsche Heimat.

Giannozzo, der italienische Luftschiffer, übersetzt der “große Hans“ (also eine Anspielung auf den Autor selbst), startet seine Luftfahrt in Leipzig und berichtet darüber seinem häufig erwähnten Freund Graul. Sein Luftschiff, nennt er übrigens „Siechkobel“, was nun nichts mit Hightech zutan hat. Ein „Siechkobel“ ist nämlich ein kleines Häuschen für Aussätzige.

 Giannozzo berichtet nichts über exotische Welten, er macht das Vertraute durch den veränderten Blickwinkel zum Fremden und bringt dadurch den eigentlichen Charakter zum Ausdruck.

Hierein Auszug aus seiner zweiten Fahrt:

                                                   „Vorgestern am Auffahrtstage war ich um die Welt nicht her unterzubringen auf diese;  vom unsteten Wehen ließ ich mich über Sachsen hin- und herwürfeln. Ich oder der neue Trabant um die Erde mochte ihnen drunten etwan die scheinbare Größe des alten haben. Mein Tischgebet verrichtete ich vor einem weichen Ei, das ich mir in Dintenwein auftrug. Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde. Schon drunten war ich oft imstande, tagelang die Stube auf- und abzulaufen und die Faust zu ballen, wenn ich über die böse Zwei (die böse Sieben für mich), über Ungerechtigkeit und Aufblasung reflektierte und mir die greuliche Menge der Schnapphähne und der Krähhähne vorsummierte, die ich in so vielen Ländern und Zeiten muß machen lassen, was sie wollen, ohne daß ich den einen die Sporen, den andern den Kamm abschneiden, dort Köpfe, hier Fenster einschlagen könnte. O Bruder Graul, kennst du auch den Ingrimm, wenn der Mensch sich vergeblich ein paar Sündfluten oder Jüngste Tage oder einen mäßigen Schwefelpfuhl wünscht, und es wie ein fauler Hund mit anschauen muß, wie zahllose Blut- und Schweinsigel, Kirchenfalken und Staatsfalken – in allen Ländern, Departements und den drei Zeit-Dimensionen – ungestraft saugen, stechen, stoßen und rupfen; – wie sie, gleich dem grünen Wasserfrosch, der die bewohnten Schneckenhäuser verdauet, Häuser und Länder verdauen; – wie sie (die besagten Bestien) wie der Ochse des Phalaris sogar den Schrei des Menschenschmerzes in das Brüllen einer wilden Tierstimme verkehren? – O könnte man nur eine Woche lang als ein hübsches volles Gewitter über die Menschenköpfe ziehen und sie zuweilen berühren von oben herab, so wollt‘ ich nicht klagen!“

Wer mehr lesen will, kann einen Faksimiledruck (Frakturschrift) von Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. Faksimiledruck aus dem zweiten Bändchen des „Komischen Anhangs“ zum Titan, verlegt 1801 bei Matzdorff, Berlin. Mit 11 Radierungen von Norbert Richter-Scrobinhusen und Notizen zu einem Nachwort über Entstehung und Wirkung des Textes von Karl Stöger für 11,00 EUR zuzügl. 1,80 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei uns bestellen.

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Anmerkungen