Jo Mihàly

Scherenschnitt aus "Ballade vom Elend"

Jo Mihàly, die eigentlich Elfriede Kuhr heißt, gehört zu den vergessenen Künstler- und Schriftstellerinnen, die während des Nationalsozialismus emigrieren mussten und die heute kaum noch jemand kennt.

 Jo Mihàly wählte ihren Künstlernamen ganz bewusst: sie erlebte als Kind die Diffamierung der Sinti und Roma, damals Zigeuner genannt, und gab sich aus Sympathie für diese Minderheit das Pseudonym, das aus dem Ungarischen stammt.

Elfriede Kuhr wurde am 25.04.1902 in Schneidemühl (Posen) geboren und wuchs behütet auf bis der Erste Weltkrieg auch ihre kleine Welt zerstörte. Wie viele andere auch wurde Jo Mihaly durch den Krieg politisiert und setzte sich ungewöhnliche Ziele. Sie wollte Tänzerin werden und wurde schließlich Ausdruckstänzerin. Ihre Tänze hießen z. B. „Mütter“ oder „Das Antlitz des Krieges“. Aber sie hatte verschiedene Talente, die sie zu nutzen verstand. Ihre Erfahrungen auf der Landstraße und mit dem Vagabundenleben fasste sie in der „Ballade vom Elend“, einem Gedicht zusammen, das sie mit eigenen Scherenschnitten illustrierte. Sie veröffentlichte weitere Gedichte in Gregor Gogs Vagabundenzeitschrift „Der Kunde“.

 Als Ausdruckstänzerin wurde sie eine Berühmtheit, engagierte sich politisch gegen die immer stärker werdenden Nationalsozialisten und emigrierte im Juni 1933 mit ihrem Mann, dem Regisseur Leonhard Steckel, und ihrer kleinen Tochter in die Schweiz. Die Schweiz, vor allem das Tessin, wurde ihre neue Heimat.

 Für ihren Roman „Hüter des Bruders“, der heute unter dem Titel „Gesucht: Stepan Varesku“ erscheint, hätte sie fast einen antifaschistischen Literaturpreis bekommen, was jedoch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte.

 Im Mittelpunkt des Romans steht Stepan Varesku, ein politischer Häftling in einem Salzbergwerk, dem die Flucht gelingt und der Unterschlupf bei Zigeunern erhält, die ihn zu einem der ihren machen und für ihre Hilfe einen hohen Preis zahlen müssen.

 Nach Kriegsende ging Jo Mihaly zunächst nach Deutschland zurück und beteiligte sich am kulturellen Neubeginn. In Frankfurt a. M. saß sie für die KPD im Stadtparlament, bis sie Frankfurt krankheitsbedingt wieder verlassen musste und zurück nach Ascona ging, wo weitere Werke von ihr entstanden (u. a. „Was die alte Anna Petrowna erzählt“). Im Tessin organisierte sie auch kulturelle Veranstaltungen wie z. B. die Reihe „Literarische Gespräche“ und erhielt dreimal den Ehrenpreis der Stadt Zürich.

 Erst 1982 erschien ihr Kriegstagebuch, das sie im Alter zwischen 12 und 16 Jahren schrieb unter dem Titel „Da gibt’s ein Wiedersehn. Kriegstagebuch eines Mädchens 1914 – 1918.“ Sie erzählt die Ereignisse der damaligen Zeit aus der Sicht einer Jugendlichen und man kann die Entwicklung der jungen Tagebuchschreiberin anschaulich mitverfolgen.

Am 29. März 1989 starb Jo Mihàly in Bayern bei ihrer Tochter.

Heute ist ihr Name zu Unrecht fast vergessen. Nicht einmal die Frauenbewegung der 1970er Jahre hat sie neu entdeckt. An mutige und engagierte Frauen sollte man sich erinnern. Sie können uns ein Beispiel sein.

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Anmerkungen